Der Begriff „Freelancer“ ist nicht neu. Er wurde auch schon in den vergangenen Jahren überstrapaziert. Wenn immer sich ein Arbeitsuchender in einer Zusammenarbeit nicht zu eng an eine Arbeit-/Auftraggeberin binden wollte, wurde ein „Freelance-Vertrag“ aufgesetzt. Noch häufiger kam es vor, dass der Wunsch nach einem solchen Vertrag von den Arbeit-/Auftraggeberinnen geäussert wurde. Der „freie Mitarbeiter“ stand vor der Wahl: take it or leave it.

 

Praktischerweise kann eine Arbeitgeberin Sozialversicherungsabgaben sparen, wenn sie gewisse Arbeiten einem „freien Mitarbeiter“ überträgt und nicht einem durch Arbeitsvertrag gebundenen Mitarbeiter. Zudem sind auch für das Arbeitsverhältnis typische Schutznormen zugunsten der Arbeitnehmer auf einen echten „Freelancer“ nicht anwendbar, was der Arbeitgeberin mehr Flexibilität einräumt.

 

In Zeiten der Gig Economy, in welchen es einfacher ist denn je, sich von Auftrag zu Auftrag zu hangeln ohne eine feste Bindung einzugehen, ist dieser Trend noch stärker geworden. Zuweilen ausgeblendet wird, dass dem „Freelancer“ die Schutznormen abhanden kommen, auf die er sich berufen könnte, wäre er eben ein Arbeitnehmer: es besteht kein Anspruch auf Ferien, kein Anspruch auf Kündigungsschutz, kein Anspruch auf Einhaltung der arbeitsgesetzlichen Schutznormen etc. Zudem hat der „Freelancer“ die Sozialversicherungsabgaben auf dem Gehalt vollumfänglich selbst zu finanzieren.

 

Die Arbeit-/Auftraggeberin hingegen riskiert, dass viele der vermeintlichen „Freelance-Verträge“ eben gar keine solchen sind – die Bezeichnung eines Vertrags ist für dessen rechtliche Qualifikation nicht relevant. Erfüllen die „Freelancer“ die Kriterien nicht, um als selbständig Erwerbstätige zu gelten, werden sie als Arbeitnehmer qualifiziert. Sie sind sog. „Schein-Selbständige“. Auf die Arbeitgeberin können dann Forderungen von Sozialversicherungsträgern und den Mitarbeitern selbst zukommen. Für die Arbeitgeberin gilt daher: als „freier Mitarbeiter“ ist nur zu betrachten, wer eine (aktuelle) Bestätigung der Ausgleichskasse vorlegen kann, dass er als selbständig Erwerbstätiger anerkannt ist.

 

Als selbständig erwerbend gelten für die Ausgleichskasse Personen, die unter eigenem Namen auf eigene Rechnung arbeiten sowie in unabhängiger Stellung sind und ihr eigenes wirtschaftliches Risiko tragen. Der selbständig Erwerbstätige tätigt auch erhebliche Investitionen und verfügt in aller Regel über eigene Geschäftsräume. Er trägt die Unkosten und das Verlustrisiko selbst. Hingegen gilt als unselbständig erwerbstätig, wer in untergeordneter Stellung auf bestimmte oder unbestimmte Zeit Arbeit leistet, ohne selbst ein wirtschaftliches Risiko zu tragen. Der unselbständig Erwerbende ist in die Arbeitsorganisation der Arbeitgeberin eingebunden und verpflichtet, sich an deren Weisungen zu halten. Weiter hat er keine massgeblichen Entscheidungsbefugnisse über Investitionen und Personalfragen und leistet regelmässige Arbeit für die gleiche Arbeitgeberin.

 

In der Praxis liegt oft eine wirtschaftliche Abhängigkeit eines vermeintlichen „Freelancers“ von einer einzigen Arbeitgeberin vor. Eine solche Zusammenarbeit wird in aller Regel als Arbeitsverhältnis angesehen.

 

Insbesondere die Arbeitgeberschaft tut gut daran, die Eckpunkte der Zusammenarbeit vor Abschluss eines „Freelance-Vertrags“ genau zu analysieren. Eine Um-Qualifizierung kann sie letztlich teuer zu stehen kommen.

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