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INFOS ZUM BUCH

2. Auflage 2020

ca. 360 Seiten, gebunden

CHF 54.- (UVP)

EUR 54.- (D) / EUR 55.60 (A)

ISBN: 978-3-258-08126-7

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Stresshaftung und deren Bedeutung für die Unternehmen

Lange Arbeitstage oder atypisch gelagerte Arbeitszeiten werden von vielen Arbeitnehmern als Belastung empfunden. Hinzu kommt das Gefühl der ständigen Erreichbarkeit (Eichhorst/Tobsch, 2014). Arbeitnehmer fühlen sich zunehmend verpflichtet auch nach Feierabend, während dem Wochenende oder in den Ferien für das Unternehmen Mails zu beantworten und Anrufe entgegen zu nehmen. Sie stehen unter Stress, der psychische oder physische Gesundheitsprobleme zur Folge haben oder gar zu einem Burnout führen kann. Gestresste Mitarbeiter schaden nicht nur ihrer eigenen Gesundheit. Stressbedingte Ausfälle bedeuten meist eine Mehrbelastung der anderen Teammitglieder sowie einen Knowhow-Verlust, was sich wiederum negativ auf die Rentabilität des Unternehmens auswirkt und einen Produktivitätsabfall bedeuten kann (Sprenger et al, 2013).

 

In der heutigen Arbeitswelt wird die gesetzlich zugelassene Höchstarbeitszeit von 45 bzw. 50 Stunden pro Woche (Art. 9 Abs. 1 ArG) vielerorts überschritten. Die Vereinbarkeit von Arbeit und anderen Lebensbereichen und die damit zusammenhängende Entgrenzung im Arbeitsalltag werden zunehmend zum Problem. Karrierechancen, Erwartungen seitens des Vorgesetzten oder der Wunsch von den Arbeitskollegen angesehen zu werden, sind nur einige Gründe dafür. Eine gesunde Abgrenzung der Arbeitnehmer zum Arbeitsalltag ist jedoch wichtig, damit im Unternehmen ein positives Arbeitsklima entstehen und das Auftreten von stressbedingten Gesundheitsschäden verhindert werden kann. Erleidet ein Arbeitnehmer dennoch psychische oder physische gesundheitliche Schäden aufgrund zu hoher Stressbelastung, besteht für den Arbeitgeber allenfalls ein Haftungsrisiko.

 

Voraussetzungen der Stresshaftung

Damit juristisch von einer Stresshaftung gesprochen werden kann, müssen folgende vier Voraussetzungen kumulativ erfüllt sein (Rohrer, 4/09):

 

  1. Der Arbeitgeber erleidet infolge der Stresswirkung einen Schaden. Der Schaden ist eine unfreiwillige Vermögenseinbusse, etwa in Form von Behandlungs- und Heilkosten, wenn beispielsweise die Stresssymptome Krankheitswerte erlangen oder ein Erwerbsausfall droht.
     

  2. Es liegt eine Vertragsverletzung seitens des Arbeitgebers vor. Nach Art. 328 OR hat dieser im Arbeitsverhältnis die Persönlichkeit des Arbeitnehmers zu wahren und zu schützen und auf dessen Gesundheit gebührend Rücksicht zu nehmen. Arbeitsbedingungen die zu erhöhtem Stress führen, stellen einen Verstoss des Arbeitgebers gegen diese gesetzlich statuierte Fürsorgepflicht und damit eine Vertragsverletzung dar. Eine Vertragsverletzung liegt aber erst bei einer übermässigen Belastung des Arbeitnehmers vor. Dazu ist eine gewisse sachliche und zeitliche Intensität des Stresses erforderlich.
     

  3. Zwischen dem erlittenen Schaden des Arbeitnehmers und der Vertragsverletzung besteht ein natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang. Das Bestehen eines Kausalzusammenhangs ist vor allem deshalb schwierig zu beweisen, weil Krankheiten oft zahlreiche Ursachen haben. Aus diesem Grund reicht bereits eine „überwiegende Wahrscheinlichkeit“.
     

  4. Es liegt ein Verschulden seitens des Arbeitgebers vor. Dabei ist der Umstand massgebend, ob die stressbedingte Gesundheitsbeeinträchtigung für den Arbeitgeber vorhersehbar war. Kannte der Arbeitgeber die Gesundheitsgefährdung oder hätte er diese kennen können, wird von einem Verschulden ausgegangen. Aspekte der Arbeitsorganisation, Arbeits- und Überwachungsbedingungen, die Kommunikation sowie häufige Absenzen und andere Anzeichen von Stress sind bei der Beurteilung miteinzubeziehen.

 

Das Schweizerische Bundesgericht hatte im Urteil 4C.24/2005 vom 17. Oktober 2005 einen Fall der Stresshaftung anhand dieser Kriterien zu entscheiden. Dabei ging es um eine Ausbildnerin, die zehn Verkaufsberaterinnen rekrutieren und betreuen musste, von denen jede verpflichtet war, einen monatlichen Umsatz von CHF 7‘000.- zu erwirtschaften. Daraus ergab sich das Ziel für die Ausbildnerin, CHF 70‘000.- Umsatz pro Monat zu generieren. Infolge Überbeanspruchung erlitt die Ausbildnerin schliesslich eine schwere Depression mit Funktionsverlust und wurde kurz darauf vollständig arbeitsunfähig. Der Ausbildnerin gelang es im Gerichtsverfahren zu beweisen, dass sämtliche Voraussetzungen für das Vorliegen einer Stresshaftung erfüllt sind. Schwierig darzulegen war auch hier der Kausalzusammenhang zwischen dem vom Arbeitgeber erzeugten Stress und der gesundheitlichen Beeinträchtigung der Ausbildnerin. Schliesslich sah das Bundesgericht die Voraussetzungen der Stresshaftung als gegeben an und sprach der Ausbildnerin zulasten des Arbeitgebers eine Genugtuung von CHF 10‘000.- zu.

 

Im Arbeitsalltag ist es oftmals schwierig zu beurteilen, wann die Schwelle des zulässigen Arbeitsstresses überschritten wird. Deshalb ist stets den Umständen des Einzelfalles Rechnung zu tragen und die individuellen Grenzen eines Arbeitnehmers sowie dessen subjektive Sicht in die Beurteilung miteinzubeziehen.

 

Risiken der Stresshaftung für Unternehmen

Schadenersatz- bzw. Genugtuungszahlungen sind nicht die einzigen Risiken für Arbeitgeber. Das Bestehen von arbeitsbedingtem Stress kann darüber hinaus zu Lohnfortzahlungspflichten oder Haftungsrisiken seitens des Arbeitgebers führen. Wird zudem bekannt, dass Arbeitnehmer in einem Unternehmen erhöhtem Stress ausgesetzt sind, kann dieser Umstand rufschädigend wirken (Sprenger et al., 2013).

 

Massnahmen seitens des Unternehmens

Um das Risiko einer Stresshaftung zu minimieren, sollte der Arbeitgeber frühzeitig vorbeugende Schutzmassnahmen ergreifen (Art. 6 Abs. 2 ArG). Diese können beispielsweise in Form einer Anlaufstelle oder in der Durchführung von Stressaudits bestehen. Der Arbeitgeber sollte den Arbeitnehmer darüber hinaus regelmässig auf die Gefahren hinweisen und zeitnah Mittel aufzeigen, welche die Gefahren in Bezug auf Stress im Arbeitsalltag abwenden. Schafft der Arbeitgeber keine Verhältnisse, die den Arbeitnehmer vom Stress entlasten, hat dieser das Recht seine Arbeitsleistung zu verweigern, wenn die Stressbelastung derart hoch ist, dass sie als unzumutbar erscheint (Art. 324 Abs. 1 OR) (Sprenger et al, 2013).

 

Der Gesetzgeber überträgt damit die Pflicht zum Gesundheitsschutz einerseits dem Arbeitgeber, indem er Massnahmen zu ergreifen hat, die den Arbeitnehmer vor gesundheitlichen Gefährdungen am Arbeitsplatz schützen. Andererseits wird aber auch der Arbeitnehmer in die Pflicht genommen, indem er die vom Arbeitgeber zur Verhinderung von gesundheitlichen Gefahren bereitgestellten Mittel ordnungsgemäss zu benützen hat.

 

 

 

Literatur:

Eichhorst, W. & Tobsch, V. (2014). Flexible Arbeitswelten. IZA Research Report No. 59. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. (S. 7-30)

 

Rohrer, M., (2009). Stress am Arbeitsplatz – haftet der Arbeitgeber? Recht und Arbeitssicherheit 4/09 (S. 5-7).

 

Sprenger, M., Meissner, J.O. & Ursprung, R. (2013). Risiko Stress: Bringen neue Arbeitsformen Abhilfe?. HR Today. www.hrtoday.ch

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